MBSR & Leadership

Was ist nun wieder „MBSR“ und was hat das damit zu tun, wie ich Mitarbeiter führe?

Nun…dazu muss ich etwas in der Zeit zurück gehen, denn vor rund 40 Jahren gründete der Molekularbiologe und ehem. Professor an der University of Massachusetts, Jon Kabat-Zinn, die renommierte „Stress Reduction Clinic“. 15 Jahre zuvor hatte er an einer Lesung eines buddhistischen Lehrers teilgenommen, der ihn offenbar nachhaltig beeindruckt hatte. Er fing an, sich mit Meditation und Achtsamkeitstechniken zu beschäftigen und entwickelte daraus das Programm der „Mindfulness-Based Stress Reduction“ (MBSR).
Mittlerweile haben viele medizinische Studien die Wirksamkeit von Meditation und Achtsamkeitsübungen belegt und der zuerst leicht esoterische Touch verfliegt, wenn man sich etwas tiefer in das Thema einliest (siehe weiterführende Links unten).

In den 8 Wochen dieses Kurses kommt man wöchentlich 1 x für 2,5 Stunden in Gruppen zusammen, um Meditation, Yoga, Zen und weitere Achtsamkeitstechniken zu erlernen. In dieser Zeit praktiziert man dann daheim täglich 45 Minuten das Gelernte, um es zu festigen und zu einer Gewohnheit werden zu lassen. Gegen Ende des Kurses gibt es einen gemeinsamen Übungs-Tag, den man mit Schweigen und Meditation verbringt.

Mönchskutte und Klangschalen

Klingt immer noch alles ziemlich esoterisch und man stellt sich Menschen in orangenen Gewändern mit geschorenen Köpfen vor, oder? Genau so ging es mir ebenfalls. Da der Kurs hier bei mir vor Ort von einer Psychotherapeutin angeboten wurde und ich somit den Eindruck hatte, dass die ganze Geschichte auch irgendwo einen wissenschaftlichen Hintergrund hat, wollte ich mehr wissen. Nach dem 45-minütigen Vorgespräch, das vollkommen ohne Klangschalen (die kamen dann später 😄) und bunte Tücher oder Räucherstäbchen auskam, kam die Therapeutin zwar zu der Erkenntnis, dass der Kurs für Menschen mit meiner Persönlichkeitsstruktur (der Denk-Apparat laeuft 24/7) durchaus eine heftige Herausforderung sein würde – wir beschlossen jedoch, es trotzdem miteinander zu versuchen.

Die 8 Wochen vergingen, ich hetzte gefühlt jedes Mal gestresst von der Arbeit in das Yogazentrum, wo sich unsere Gruppe traf und musste eigentlich immer zugeben, nur selten Zeit für die täglichen Übungen gehabt zu haben. Damit sorgte ich zwar für deutliche Entspannung für die weiteren TeilnehmerInnen, aber so richtig wollte dieses Achtsamkeits-Ding bei mir nicht zünden. Offenbar behielt die Therapeutin wohl recht mit ihrer Einschätzung des Vorgesprächs. Ich machte während des gesamten Zeit vielleicht 3-4 Mal einen sog. Bodyscan und schlief eigentlich jeweils bereits beim linken Knie ein 😄 – auch sehr entspannend, aber nicht sehr achtsam.

Neue Verhaltensweisen

Interessanterweise passierte mit mir am Ende des Kurses etwas, das ich im Nachhinein als eigentlichen Start meiner Reise bezeichnen würde. Die Leiterin liess uns einen Brief an uns selbst schreiben und bot an, ihn mitzunehmen und irgendwann mal an uns zu senden. In diesem Brief schrieb ich mir sinngemäß „Alter, jetzt hast du hier 8 Wochen abgesessen…das kann nicht ohne Wirkung sein. Du wirst dir doch wenigsten mal 10 Minuten am Tag wert sein. Versuchs wenigstens!“ – na so in etwa halt.

Am darauf folgenden Morgen drückte ich (als ausgewiesenen Nicht-Frühaufsteher) die Snooze-Taste nicht und quälte mich stattdessen aus dem wunderbar warmen Bett, um mich für 10 Minuten auf einer Yogamatte zu platzieren und zu meditieren. Am Tag darauf tat ich dasselbe und am folgenden ebenfalls. Irgendwann steigerte ich die Zeit auf 15, 20 und dann auf 30 Minuten (was natürlich einen deutlichen Einfluss auf die Weckzeit hatte).

Mittlerweile stehe ich um 6 Uhr früh auf (fast 2 Stunden früher!), meditiere für 45-60 Minuten, absolviere anschliessend 30 Minuten Yoga (na sagen wir „alte Herren-Turnen“ 😉 ), habe dann noch Zeit, meine Frau mit einem Cappucino aus dem Siebträger zu wecken und gemeinsam mit ihr in den Tag zu starten. Ich freue mich bereits abends auf den Start des neuen Tages und diesen Ablauf. Wer hätte das gedacht!

Und was hat das Ganze mit „Leadership“ zu tun?

Nun, in dem Kurs habe ich einige Verhaltensweisen verinnerlicht, die es meiner Umwelt – und somit auch meinen MitarbeiterInnen – einfacher machen mit meiner teilweise recht intensiven Art zurecht zu kommen. Dazu muss man vielleicht sagen, dass mein Job „Problemlöser“ ist. Ich komme morgens ins Unternehmen (oder werde nachts geweckt), irgendwo bimmelt eine Alarmglocke in einem sehr komplexen Umfeld und die Aufgabe ist es, diesen Alarm schnellstmöglich abzustellen, besser noch gar nicht ertönen zu lassen. Da ein solcher Alarm bedeuten kann, dass wichtige Teile des Unternehmen beeinträchtigt sind, stehe ich dauerhaft unter Strom. Zusammen mit meiner doch eher direkten „Berliner Schnauze“ kann man sich möglicherweise vorstellen, dass der eine oder die andere sich manchmal nicht so ganz von mir abgeholt fühlt.

Nun bemühe ich mich als eine neue Verhaltensweise, erstmal tief durchzuatmen, innerlich einen Schritt zurück zu treten und erst dann zu reagieren. Das führt zu erstaunlichen Ergebnissen. Denn oft ist eine Reaktion komplett unnötig – wer hätte das gedacht!

Weiterhin nutze ich Methoden im Einzelcoaching aber auch in Retrospektiven, um die MitarbeiterInnen aus dem Hamsterrad herauszuholen und Situationen besser einschätzen zu können. Daraus resultieren oft wertvolle Erkenntnisse, die dann wieder im Alltag und Berufsleben unterstützen.

Diese ganze Achtsamkeits-Geschichte hat aus mir sicher keinen besseren Menschen gemacht. Ich empfinde sie jedoch als wertvollen Baustein für meinen Tagesablauf und spüre, dass sie mich in manchen Situationen als Führungskraft und in vielen Situationen als Coach unterstützt.

Wer sich für solche – teilweise von den Krankenkassen bezuschussten – Kurse interessiert, findet unter dem Suchwort „MBSR“ sicher auch in seiner Nähe ein Institut, einen Trainer oder eine Therapeutin, die das anbietet.


Weiterführende Links:
https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/psychologie/achtsamkeit/pwieachtsamkeitindermedizin100.html#Wirkung_ist_wissenschaftlich_belegt

https://www.swr.de/swr2/wissen/broadcastcontrib-swr-16030.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Jon_Kabat-Zinnhttp://mbsr.berlin/bodyscan/

MBSR in Freiburg/Emmendingen: https://www.mbsr-verband.de/lehrer/britta-koellermann/652

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