Ich habe in letzter Zeit einiger Bücher gelesen und Hörbücher gehört, die ich zwar grundsätzlich interessant fand, deren Aussagen in Bezug auf „Loben“ ich jedoch eher kritisch betrachte. Dennoch haben sie mich zum Nachdenken angeregt…
„Lob ist schädlich“ sagt Alfred Adler (und auch so mancher Chef)
Der Arzt und Psychologe Alfred Adler (* 7. Februar 1870; † 28. Mai 1937) begründete die Individualpsychologie. Dabei geht es unter anderem darum, den Menschen als Ganzes zu betrachten. Das Buch „Du musst nicht von allen gemocht werden“ von Fumitake Koga und Ichiro Kishimi geht mit seiner Geschichte auf einige Aspekte dieser Individualpsychologie ein. Ein Kapitel, in dem es um das Thema „Loben“ geht, beschäftigte mich etwas länger und ist auch der Auslöser für diesen Beitrag.
Adler vertritt offensichtlich die Meinung, dass Lob im Umgang mit Menschen schädlich ist. Der Lobende erhöht mit dem Lob seinen eigenen Status über den Gelobten. Man verwende Lob, um postives Verhalten zu verstärken und Menschen somit „abzurichten“. Menschen, die gelobt werden, neigten dazu, alles zu tun, um ihren Status aufrecht zu erhalten um wiederum noch mehr gelobt zu werden.
Lob, dass sich auf Persönlichkeitsmerkmale bezieht, kann sogar schädlich sein. Beispielsweise geben Kinder, die für ihre Intelligenz gelobt werden, eher auf und zeigen schlechtere Leistungen als Kinder, die für ihren Fleiß gelobt werden, schrieb C. M. Mueller 1985 in einem Beitrag (Praise for intelligence can undermine children’s motivation and performance).
Es gibt jedoch auch Befürworter
Dale Carnegie (* November 1888; † 1. November 1955) schreibt in seinem Buch „Wie man Freunde gewinnt“ unter anderem über das Thema: „Loben Sie jede Verbesserung, auch die geringste. Seien Sie herzlich in Ihrer Anerkennung und freigiebig mit Ihrem Lob.“
Er soll ebenfalls gesagt haben: „Loben statt kritisieren ist das Grundprinzip von B. F. Skinners Lehre. Dieser berühmte amerikanische Verhaltensforscher hat am Beispiel von Menschen und Tieren gezeigt, daß bei weniger Kritik und mehr Lob die guten Leistungen zunehmen und die schlechten infolge mangelnder Beachtung zurückgehen.“
Quelle: Zitate.eu
Der US-amerikanische Psychologe Skinner war jedoch wiederum Begründer der sog. operanten Konditionierung (auch Lernen am Erfolg genannt). Als mir das bewusst wurde, begann ich Loben zu hinterfragen, denn Skinner beweist meiner Meinung nach das, was Adler als Annahme schreibt.
„Immer erstmal loben“
Ich bin es von meiner Arbeitsweise gewohnt, schnell auf den Punkt zu kommen. Aus diesem Grund sehe ich in der Regel zuerst einmal die Dinge, die blockieren oder die noch nicht so laufen, wie sie sollen. Das hatte früher zur Folge, dass ich – egal wieviel bei einer Aufgabe hervorragend gelaufen ist – immer zuerst einmal auf die Dinge eingegangen bin, die noch erledigt werden mussten. Lob kam also eher selten vor – Kritik war da schon eher mein gewohntes Instrument. Vor einigen Jahren gab mir eine Mitarbeiterin jedoch mit den Worten „Immer erstmal loben – dann wird die nachfolgende Kritik besser aufgenommen“ einen Impuls, der mich dazu bewogen hat, mein Verhalten zu ändern.
Ich verstand ihren Ansatz, weil es mir schlicht selbst auch so ging. Weist der Vorgesetzte trotz hervorragendem Einsatz nur auf die Schwachstellen hin, ohne auch die guten Leistungen zu honorieren, fühlt sich das nicht gut an. Manche Menschen neigen bei dauerhafter Kritik („egal was ich tue, es wird nur kritisiert“) dazu, ihren Einsatz herunterzufahren und Dienst nach Vorschrift zu machen. Das ist weder für den Mitarbeiter noch für das Unternehmen gut.
Loben mit Bauchgefühl
Ich lobe mittlerweile gern und viel. Einfach weil es ein gutes Gefühl vermittelt, wenn Leistung und Einsatz anerkannt werden.
Ich möchte jedoch mit Lob nicht inflationär und unspezifisch umgehen („ihr seid ein tolles Team“). Aus diesem Grund wechsle ich zwischen Anerkennung und Dank. Das ist der Weg, meinem Bauchgefühl zu folgen und dabei trotzdem ein paar wissenschaftliche Erkenntnisse in meinen Führungsstil einfliessen zu lassen.
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