Coach, Mentor, Trainer…wo liegt der Unterschied?

Bis vor wenigen Monaten hätte ich auf diese Frage geantwortet „Es gibt keinen Unterschied. Das sind alles Synonyme für Menschen, die anderen Menschen den richtigen Weg weisen“. Und so war ich auch unterwegs 🙂 Wann immer mir jemand – gefragt oder auch ungefragt – ein Problem, eine Herausforderung oder ein vermeintlich unüberbrückbares Hindernis schilderte, hatte ich nach wenigen einleiten Sätzen meines Gegenübers bereits die Lösung parat und teilte sie freudig mit.

Merkte ich dann, dass mein Gesprächspartner nicht mit mir übereinstimmte bzw. bekam ich kein zustimmendes Feedback zu meinem Ratschlag, setze ich nach. Denn solange es keine Zustimmung zu meinem flott ausgearbeiteten Lösungsweg gab, war wohl noch etwas nicht verstanden.

Nun, die meisten von euch wissen, was jetzt kommt…

Dieses Foto wurde bei einem der ersten Präsenztermine in der allerersten von boris gloger angebotenen Agile Coach Ausbildung in der ersten Jahreshälfte 2020 gemacht. Der Satz auf dem Blatt stellt eine der wesentlichsten Erkenntnisse dar, die ich überhaupt in der Zeit gemacht habe. Der Zettel bzw. dieses Bild soll mich möglichst oft daran erinnern, bei einem Coaching nicht in die Trainer- oder Berater-Rolle zu fallen.

Aber was sind denn nun die Unterschiede dieser Rollen, die durchaus in unterschiedlichen Konstellationen von ein und derselben Person ausgefüllt werden können?

Trainer

Nun, diese Rolle beherrsche ich offensichtlich bereits ganz gut – nur habe ich sie wohl meist falsch interpretiert 😀 Als Trainer bin ich dem Trainierenden in der Regel mehrere Schritte voraus, habe Situationen bereits durchlebt und kann Übungsschritte und Lösungen anbieten. Allerdings gibts es in der Beziehung zwischen Trainer und Trainierenden in der Regel durch diesen Wissensvorsprung ein Gefälle. Die beiden kommunizieren nicht auf Augenhöhe, der Trainierende ist der Schüler und der Trainer der Lehrer. Es geht darum, ein neues Verhalten zu erlernen.

Coach

Als Coach – und diese Rolle muss(te) ich mir zuerst mal erarbeiten – belasse ich die Lösungsfindung beim Coachee und unterstütze durch Fragestellungen. Coaching ist in dem Sinne eher ein Beratungsprozess und setzt voraus, dass der Coachee offen dafür ist, das Problem als sein eigenes anzuerkennen und die Bereitschaft hat, die Lösung selbst zu erarbeiten und sich nicht darauf zu verlassen, dass es jemanden gibt, der den vermeintlich richtigen Weg weist. Die Beziehung zwischen Coach und Coachee würde ich als „gegenseitig wertschätzend und auf Augenhöhe“ bezeichnen.

Mentor

Nun, das ist für mich ein sehr grosser Begriff und ich musste lange darauf warten, bis ich zum ersten Mal den Eindruck hatte, für jemanden so etwas wie ein Mentoring leisten zu können. Mentoring ist deutlich mehr beziehungsorientiert als beispielsweise Coaching. Es geht meines Erachtens noch mehr darum, in den Mentee „reinzuspüren“, sich gemeinsam Gedanken um die persönliche Weiterentwicklung des Mentees zu machen und ihm beratend zur Seite zu stehen. Dabei spielt für mich zwar Lebenserfahrung eine Rolle, jedoch würde ich behaupten, dass es nicht unbedingt eines grossen Altersunterschieds bedarf, sondern einfach der Voraussetzung, dass man möglichst empathisch und selbstreflektiert ist.

Wie bereits beschrieben, nimmt mal als Agile Coach durchaus die eine oder andere Rolle ein bzw. wechselt zwischen den Rollen. Man sollte sich und dem Gegenüber jedoch zu jeder Zeit klar machen, in welcher Rolle man sich gerade befindet.

Photo „Hands“ by Chris Liverani on Unsplash

Photo „Mehr Fragen statt Sagen“ by Carsten Rasche